Plan_London_1767_9104.jpg © Jörgens.mi / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)


Die Darlington Road Kids

Band 3

Der Auftrag

Fenchurch Street

„Wohnen in diesem Teil der Stadt eigentlich nur Besoffene und

Bekloppte?“, maulte René und versuchte, die Küchenabfälle, zum

Glück nur trockene Blätter und Zwiebelschalen, von der Jacke zu

zupfen.

„Hat fast den Anschein“, meinte Jo grimmig. „Aber wir haben ja

noch zwei Adressen vor uns.“

„Macht, dass ihr fortkommt, Gesindel!“, rief die ungnädige

Hauswirtin ihnen von der Tür aus zu und fuchtelte mit ihrem

zerzausten Reisigbesen. „Oder ich hole die Stadtwache. Fort, haut

ab!“

„So eine alte Hexe“, knurrte Rufus.

„Wohin jetzt?“, fragte Jo.

„St.Helens Street“, meinte Mara. „Da lang.“

Sie führte sie durch eine Gasse und sie überquerten die

Leadenhall Street.

Mara kannte sich offenbar gut aus, denn sie schlug einen

verschlungenen Weg durch schmale Durchgänge, der zu

Hinterhöfen und Werkstätten führte, ein.

Jo sah sich um. Das übliche Londoner Stadtbild, und da sie sich

nahe zum Tower und zur Themse hin befanden, sah man neben

Geschäftsleuten, Dienstboten, fliegenden Händlern und

Lieferanten auch eine größere Anzahl von Soldaten und Seeleuten

– und natürlich die stets gegenwärtigen Bettler, oft Invalide –

echte und falsche.

Dean tauchte plötzlich vor ihnen auf. Er hatte es offensichtlich

eilig und sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Mara blieb stehen.

„Dieser dreimal verdammte Idiot!“, stieß sie hervor. Hinter Dean

erschienen drei schwarz gekleidete Jungen. Sie trugen Hüte mit

hoher Krone und schmaler Krempe, schwarze Mäntel, die ihnen bis

zu den Knien reichten, darunter schwarze Westen und weiße

Hemden. Bei einem von ihnen hingen vorne dünne Stoffquasten

oder Schnüre über den Hosenbund. Alle drei waren schlank, aber

kräftig und offenbar gut genährt.

Dean lief an den DaRoKi vorbei, seine drei Verfolger blieben in

einiger Entfernung stehen. Jo sah sich nach Dean um. Dieser blieb

abrupt stehen. Hanson und Tolliver kamen ihm entgegen, auch sie

hatten es eilig. Ihnen waren gleich fünf dieser schwarzgekleideten

Jungen auf den Fersen. Auch sie blieben in einiger Entfernung

stehen.

„Verfluchte Schwachköpfe“, fauchte Mara. „Trottel! Armleuchter!

Waren die so bescheuert, zu glauben, dass die Masada Kfir sie

nicht bemerken würden? Mist, das gibt Ärger.“

In einem Durchgang tauchten weitere der schwarz Gekleideten auf

und vor ihnen öffnete sich eine Tür.

„Was geht hier vor?“, fragte Maus. Sie klang besorgt, ein wenig

verunsichert.

Jo sah Mara stumm an.

„Solomon Raiders“, erklärte die Königin der Pavee heiser. „Um

genau zu sein, die Masada Kfir. Ariels Leibwächter. Eigentlich

braucht er die nicht, das ist mehr Show, zum Beeindrucken, aber

schlagen möchte ich mich mit den Burschen nicht. Schon mal gar

nicht wegen dieser drei Blödmänner!“ Sie warf den drei Daus einen

wütenden Blick zu. Vor ihnen schloss ein junger Mann die Tür. Er war

fast so groß wie Jo, trug die gleiche schwarze Kleidung wie die Jungen,

hatte aber statt des Hutes eine schwarze Kappe auf dem Kopf. Die

lockigen, schwarzen Haare waren zu einem Zopf geflochten, nur eine

Strähne fiel direkt über seine Nase in die Stirn. Und auf seiner Brust prangte

ein goldenes Schmuckstück. Dunkler Flaum bedeckte seine Oberlippe und die

Wangen. Er kam langsam auf sie zu, breitete die Arme ein wenig

aus. Zwei Schritte vor den DaRoKi blieb er stehen und musterte

sie intensiv.

Das Schmuckstück war ein goldener Davidstern, wie sie nun

erkannte. Sie hatte ähnliche bei Dov Cohen und seinen Söhnen

gesehen.

Der junge Mann lächelte, er schien sich zu amüsieren.

„Shalom alejchem, Mara Banríon na Pavee.“

„Alejchemshalom, Ariel Aluf der Solomon Raiders.“

„Die Schmocks sin völlig ohne Gayst. – Die neue Schickse von

Terrence is' sheyn.“

Jo runzelte die Stirn. Das klang wie Deutsch, ein wenig, aber mit

einer etwas anderen Betonung. Dov Cohen unterhielt sich in der

gleichen Sprache mit seinen Angehörigen und einigen Kunden.

„Schmock bedeutet soviel wie Tölpel, Idiot. Gayst? Klingt wie

Geist. Ach so, Verstand. Er hat gesagt, dass die Tölpel den

Verstand verloren haben. Damit meint er wohl Dean, Hanson und

Tolliver, wahrscheinlich auch Giles. Naja, der scheint wirklich ein

bisschen verrückt zu sein. Schickse? Das Wort habe ich auch

schon gehört. Bedeutet soviel wie Frau oder Mädchen. Das hat

erwohl auf mich bezogen, Terrence war ja eindeutig. Aber was

bedeutet sheyn?“ Mara grinste, warf ihr einen kurzen Seitenblick zu.

„Terrese shtendik hat a gut geshmak“, antwortete sie. „Die dray

Dau sin barmi. Willste zoffen?“

Der junge Mann lachte hell auf.

„Wegen der dray Goim? Hältst mich für barmi? Ick weeß, dass er

a gute Geshmak hat.“

Mara grinste breit.

„Nee!“

„Stell mich vor. Bitte!“, wechselte er übergangslos ins Englische.

Er sprach es mit nur leichtem Londoner und einem ungewissen

deutschen Akzent, was in Jos Ohren etwas exotisch klang und sich

tatsächlich deutlich von Dov Cohens Englisch unterschied.

„Dein Wunsch sei mir Befehl, Ariel.“

Mara räusperte sich ein wenig.

„Ich darf vorstellen: Josephine Farnsworth, Alicia Baker, René

Malvoisin und Rufus Black. Die DaRoKi. − Meine Freunde, das ist

Ariel ben Dan, der Aluf der Solomon Raiders. Wir befinden uns auf

seinem Gebiet, hier ist er das Gesetz.“

„Nur nach Gott“, murmelte Ariel leise. Er lächelte freundlich. „Ich

habe schon von euch Gojim gehört. Das mit Dawkins und Colm

habt ihr fein hinbekommen. − Ich habe auch schon von deinem

Vater gehört, Josephine Farnsworth. Dov Cohen und seine Söhne

haben mir von ihm erzählt. Die DaRoKi haben immer und zu jeder

Zeit, einzeln oder in der Gruppe, das Recht, das Gebiet der

Solomon Raiders zu betreten und zu durchqueren. Eisauge genießt

die gleichen Rechte wie Mara Banríon na Pavee und Terrence

Sionnach O'Hara. Wer sich in ihrer Begleitung befindet, ist

unantastbar. Habt ihr das gehört, Raiders?“

„Ja, Aluf!“, erklang es im Chor.

„Gut. – Hast du das verstanden, Eisauge?“

Jo starrte ihn an. Dieser Ariel räumte ihr die gleichen Rechte ein

wie Mara und Terrence und sie hatte keine Ahnung, was das

bedeutete und wieso er das tat. Aber es bezog sich offenbar auch

auf die Daus der anderen Gangs, die bei ihnen waren.

Er gewährte ihnen freie Passage, obwohl er mit ihren Anführern

verfeindet war. Das war überaus großzügig. Und obendrein hatten

die DaRoKi, allein oder in der Gruppe, freie Passage.

„Ja, ich habe das verstanden“, sagte sie langsam. „Aber wieso?“

„Das erklärt dir Mara, sheynes Mädchen. Befinden sich also Dean,

Hanson und Tolliver in deiner Begleitung?“

Ariel sah sie fragend an, seine Lippen zuckten ein wenig. „Oder

sollen wir dich von der Anwesenheit der drei Idioten befreien?

Notfalls auch dauerhaft.“

„N... nein, ich ... sie sind in meiner Begleitung.“

„Gut. Dann haben die drei für jetzt freie Passage. Allerdings, wenn

ihr Schwachköpfe euch von Mara und Eisauge entfernt und

außerhalb der Pavee-Eskorte seid, dann machen wir Schaschlik

aus euch. Verstanden?“

Die drei Daus nickten hastig.

„Gut.“

Er trat näher an Mara und Jo heran. Er witterte.

„Rosenwasser und Veilchen. − Du hast gebadet, Mara.“„Ich hatte

die Gelegenheit“, bekannte Mara, nicht im Geringsten verlegen.

„Du weißt, dass du auch unser Badehaus benutzen kannst, wenn

du magst. Nur in der Mikwe darfst du nicht blicken lassen, da

werden die Rebbe und die Alten komisch.“

„Danke.“

Er sah Jo an.

„Solltest du oder deine Freunde jemals auf meinem Gebiet in

Schwierigkeiten geraten oder auch in anderen Teilen der Stadt ...

Tórai! Und damit wir wissen, dass du es bist oder auch Mara: Shoo-

Ahl. – Shalom.“

Ariel ben Dan wandte sich abrupt ab, gab seinen Leuten ein

Handzeichen und die Solomon Raiders verschwanden lautlos.

Darlington Road Kids Band 3

Der Auftrag (Preview)

Das Jahr 1804 fängt nicht wirklich gut an. Die fünf Freunde haben es in letzter Zeit arg übertrieben und andere dadurch in Angst und Schrecken versetzt. Dafür werden die DaRoki zu Hausarrest und Sozialstunden verdonnert. Eine alte Freundin von Little Bill bittet die Freunde unverhofft um Hilfe. Jo gelingt es ihren Vater und die anderen zu einer Art Wette zu überreden. Wenn sie diesen Auftrag erfolgreich bewältigen ohne in Schwierigkeiten zu geraten, wird ihnen der Hausarrest erlassen. Jedoch stellt Little Bill eine Bedingung: Jemand muss sie zu ihrem Schutz begleiten. Da Terrence noch seine Verletzungen kurieren muss sorgt er für das geeignete Personal.
Derweil hält es Jo für eine gute Gelegenheit, mehr über Terrence O'Hara zu erfahren. Nur, ist Mara O'Malley, die sich Banríon na Pavee nennt, auch eine zuverlässige Quelle oder eine begnadete Märchenerzählerin? In welchem Verhältnis steht sie zu Terrence? Zumindest scheint sie den uneingeschränkten Respekt der anderen Gang-Führer zu genießen. Während die DaRoKi sich daran machen einen vermissten Studenten aufzutreiben, horcht Jo das Mädchen aus, erfährt das eine oder andere und ist fasziniert von der Nachkommin einer Piratenkönigin, die selbstbewusst, und notfalls auch grob, ihre Aufgabe wahrnimmt vierzig Jungen und Mädchen vor dem Arbeitshaus zu bewahren.

Darlington Road Kids
Band 3
Der Auftrag (Preview)